Abschlussklausur (22.2.2011) (mit Lösung)

Übersetzen Sie den folgenden Text in korrektes und klassisches Latein:

 

Oft habe ich bemerkt, Crassus, dass sowohl du als auch die übrigen herausragenden Redner, obwohl dir meiner Meinung nach niemand jemals ebenbürtig war, in der Einleitung der Rede beunruhigt werdet. Als ich nach dem Grund dafür suchte, woran es liege, dass gerade die besten Redner am meisten in Furcht geraten, fand ich diese beiden Gründe: Diejenigen, die die Erfahrung und die Natur gelehrt hat, verstehen, dass manchmal sogar den größten Rednern der Redeerfolg (1) nicht nach Wunsch geht (2); deshalb fürchten sie, sooft sie sprechen, nicht zu Unrecht, dass das, was irgendwann einmal passieren könnte, zu eben dieser Zeit passiert. Der andere Grund ist folgender: Wenn Leute, die in den übrigen Künsten erprobt sind, irgendeinmal etwas weniger gut gemacht haben als sie es gewohnt sind, denkt man von ihnen, dass sie entweder nicht wollten oder dass sie es, behindert durch ihren Gesundheitszustand, nicht konnten. Eines Redners Fehler, wenn einer bemerkt wurde, wird der Dummheit zugeschrieben. Die Dummheit wird aber nicht entschuldigt, weil sicherlich niemand entweder, weil er einen verdorbenen Magen gehabt habe (3) oder weil er es so lieber gewollt habe, dumm gewesen zu sein scheint.
Sooft wir eine Rede halten, sooft wird über uns geurteilt. Wer ein Mal bei der Gestik einen Fehler begangen hat, von dem denkt man nicht sogleich, er könne die Gestik nicht, aber an wessen Rede etwas getadelt wurde, bei dem gilt die Annahme der Blödheit.

 

(1) Erfolg: euentus

(2) nach Wunsch gehen: ex sententia procedere

(3) ich habe einen verdorbenen Magen: crudus/cruda sum

 

 

Lösung:

nach Cic. de orat. 1,122f.

 

Saepe animaduerti, Crasse, et te et ceteros excellentes oratores, quamquam tibi neminem umquam parem fuisse puto / quamquam tibi par mea sententia nemo umquam fuit, in exordio orationis / dicendi exordio perturbari / permoueri.
Cuius rei cum causam quaererem, quid esset, cur optimus quisque orator maxime pertimesceret, has duas causas inueni:
Ii, quos usus et natura docuit, intellegunt nonnumquam etiam summis oratoribus euentum dicendi non ex sententia procedere;
qua re, quotienscumque dicunt, non iniuria timent, ne id, quod aliquando accidere possit, eo ipso tempore accidat.

Altera causa haec est: Si homines, qui in ceteris artibus probati / spectati sunt, (ali)quando aliquid minus bene fecerunt quam solent, aut noluisse aut ualetudine impediti non potuisse putantur.
Oratoris peccatum, si quod animaduersum est, stultitiae tribuitur.
Stultitia autem excusationem non habet / non excusatur / Stultitiae autem uenia non datur / non ignoscitur, quia certe nemo stultus fuisse uidetur, quod aut crudus fuerit aut ita maluerit.
Quotiens orationem habemus, totiens de nobis iudicatur.
Qui semel in gestu peccauit / peccauerit, non statim / continuo gestum nescire putatur, sed in cuius oratione aliquid reprehensum est, in eo ualet opinio tarditatis / stultitiae.