Mathematische Modellierung bei Platon (Habilitationsprojekt)

Antike griechische Wissenschaft ist seit frühester Zeit essentiell modellbasiert. Dies zeigt sich nicht nur in der frühen Naturphilosophie (‚metaphorische‘ Modelle), sondern ganz evident auch in Mathematik und Astronomie (‚diagrammatische‘ Modelle). Dabei ist festzustellen, dass der modellbasierte Zugriff auf die Welt nach und nach immer ‚mathematischer‘ wurde. Mit vollem Nachdruck tritt die ‚mathematische‘ Form von Modell, sowohl als Werkzeug als auch vor allem als Objekt theoretischer Reflexion, freilich erst bei Platon – für den Mathematik auch insgesamt einen immens hohen Stellenwert hatte (man denke an das Liniengleichnis und den Timaios) – in den Fokus.

Die hinsichtlich der mathematischen Modellierung bei Platon relevanten Stellen haben in anderem Kontext zwar schon oft im Fokus der philologischen und philosophischen Forschung gestanden. Doch insofern der Modellbegriff selbst erst seit Kurzem das vertiefte Interesse der Wissenschaftsphilosophie gefunden hat, man mithin überhaupt erst langsam beginnt, Modelle als Entitäten sui generis wahrzunehmen, spiegeln die bisherigen Analysen nicht den aktuellen state of the art der Modelltheorie wider. Erst dieser ermöglicht es jedoch, auch die antike Modellierungstheorie und -praxis hinreichend adäquat zu erfassen. Speziell für Platon gilt dies sowohl in der theoretischen als auch in der praktischen, sowohl in der fachwissenschaftlichen als auch in der philosophischen Dimension. In diesem Sinne ist die Rekonstruktion von Platons Verhältnis zur Modellierung in seinem wissenschafts-, philosophie- und kulturhistorischen Kontext das Ziel des Gesamtprojekts.

Zu erwarten ist ein Erkenntnisgewinn in mehrfacher Hinsicht: 1) gräzistisch / philosophiehistorisch zu einem zentralen Aspekt der Philosophie Platons; 2) gräzistisch / wissenschaftshistorisch zur (weitestgehend dunklen) voreuklidischen Fachmathematik des 4. Jhs. v. Chr., auch in wissenschaftssoziologischer Hinsicht und in Bezug auf das kontrovers diskutierte mathematische Diagramm; 3) wissenschaftsphilosophisch ein erweitertes Verständnis historischer Modelltheorien und -praktiken.