Vom Nutzen der ὄψις: Aristoteles, Poetik 1450a12–14

Abstract

Aristoteles’ Behandlung der qualitativen Teile der Tragödie im sechsten Kapitel der Poetik beinhaltet in 1450a12–14 eine schwer verständliche, gemeinhin als verderbt beurteilte Passage. Diese Stelle wird in diesem Aufsatz einem besseren Verständnis zugeführt: In einem ersten Schritt zeigt die Diskussion der relevanten Forschungsliteratur, dass der Text bisher weder in der überlieferten Form sinnvoll erklärt noch durch Eingriffe hinreichend geheilt worden ist. In einem zweiten Schritt wird dargelegt, dass sich, entgegen der communis opinio, gerade der überlieferte Wortlaut stimmig und mit hohem argumentativen Mehrwert pointiert in den Kontext einfügt. Die gefundene Lösung leistet außerdem einen Beitrag dazu, einerseits die Struktur der Argumentation in der gesamten zweiten Hälfte des sechsten Kapitels der Poetik, andererseits Aristoteles’ grundsätzliche Haltung zur Inszenierung (ὄψις) und zum Tragödienwesen des vierten Jahrhunderts besser zu verstehen.