Projekte

I. Größere (Buch-)Projekte

Der frühneuzeitliche Fiktionalitätsdiskurs (Arbeitstitel des DFG-Projektes)

In diesem Forschungsprojekt wird der frühneuzeitliche Fiktionalitätsdiskurs systematisch untersucht. Im Zentrum der Untersuchung stehen Poetiken und dichtungstheoretische Schriften, Rhetoriken, Kommentare zu antiken Autoren und Bildungsprogramme im Zeitraum zwischen ungefähr 1350 und 1600, zumindest bis Scaligers Poetik (1561), so dass Petrarca (1304-1374) und Boccaccio (1313-1375) den Anfang bilden. Da Boccaccio im 14. Buch der Genealogia die Dichtung verteidigt und diese Reflexionen später breit rezipiert wurden (u.a. von Nicolas de Gonesse [ca. 1365-1415] in der Collatio artis poeticae), ist es unabdingbar, Boccaccios fiktionstheoretische Reflexionen in das systematisch ausgewertete Corpus zu integrieren. Petrarca hat sich u.a. in der Collatio laureationis und in einem Brief (fam. 10,4) ausführlich zum allegorischen Charakter der Dichtung geäußert. Weitere wichtige Autoren von Poetiken und dichtungstheoretischen Schriften, deren Reflexionen über die literarische Fiktion analysiert werden, sind Salutati (1331-1406), Pontano (1429-1503), della Fonte (1446-1513), Vives (1492-1540), Vida (1485-1566) und Minturno (1500-1574). Die Rhetoriken inklusive der Progymnasmata-Handbücher sind insbesondere insofern relevant für eine Analyse des frühneuzeitlichen Fiktionalitätsdiskurses, als in den Abschnitten zur Erzählung (narratio) häufig die antike Skalierung der dargestellten Geschichte anhand des Kriteriums der Fiktion (fabula, historia, argumentum) rezipiert wird (z.B. in Kapitel 14 der Artis rhetoricae compendiosa coaptatio des Antonio de Nebrija [ca. 1441-1522] oder in Kapitel 3,7 von De ratione dicendi des Juan Luis Vives). Unter den Kommentaren sind insbesondere diejenigen zu Horaz‘ Ars Poetica und zu Aristoteles‘ Poetik und zu nennen, da sie wichtige fiktionstheoretische Elemente in den Diskurs einbringen, indem sie u.a. Aristoteles‘ Mimesis-Konzept und dessen Äußerungen zum Unterschied zwischen der Geschichtsschreibung und der Dichtung erklären. Schließlich finden sich auch in Bildungsprogrammen zahlreiche Reflexionen über die literarische Fiktion, und zwar zumeist in der Form, dass Überlegungen darüber angestellt werden, ob und inwiefern fiktionale Literatur für die Ausbildung junger Menschen geeignet ist. Zu den Bildungsprogrammen gehören u.a. Maffeo Vegios De educatione liberorum (1445–1448), Erasmus‘ De ratione studii (1511) und die Werke De ratione studii puerilis (1523) und De institutione feminae Christianae (1524) des Juan Luis Vives.

 

Augustinus und die Tradition der klassisch-paganen Literatur. Zur Funktion der Zitate (in den Confessiones und in De civitate Dei)

Im ersten Buch der Confessiones bezeichnet Augustinus die Tradition der klassisch-paganen Literatur, insbesondere der Dichtung, metaphorisch als einen Höllenstrom. Der Bischof von Hippo rezipiert die klassisch-pagane Literatur auch an vielen anderen Stellen dieses Werkes und anderer Schriften. In der Forschung konkurrieren i.W. zwei verschiedene Ansätze, die Augustinus' vielschichtige und vermeintlich widersprüchliche Verwendung von Zitaten (oder allgemeiner seine Rezeption) der klassisch-paganen Literatur zu erklären versuchen: Historisch-biographisch ausgerichtete Studien führen Augustinus' unterschiedliche Wertungen und seine divergierende Nutzung der römischen Klassiker auf eine sich im Laufe des Lebens wandelnde Einstellung zur paganen Literatur zurück, wohingegen systematisch orientierte Untersuchungen die verschiedenen Funktionen und Kontexte in den Vordergrund stellen. In diesem Projekt werden diese beiden Ansätze auf ihre Berechtigung und Ergebnisse überprüft, wobei zunächst eine systematische Analyse vorgenommen wird, die zur Erklärung der relevanten (Kon-)Texte (v.a. Confessiones und De civitate Dei) beiträgt und die Grundlage für eine historisch-biographische Interpretation bildet.

 

Fiktion, Komik, Ironie, Spiel oder Ernst? Zu Ovids Exildichtung

Nach der vorherrschenden Forschungsmeinung darf man viele Aussagen in Ovids Tristia und Epistulae ex Ponto nicht ernst nehmen, sondern muss in ihnen Fiktion, Komik, Ironie und Spiel des Erzählers erkennen. In dieser Untersuchung soll dezidiert die antike Perspektive eingenommen und danach gefragt werden, ob Ovid seine Exilelegien wirklich derart doppelbödig konzipiert und intendiert hat und seine Zeitgenossen sie so rezipiert haben. Erste Vorüberlegungen und Zwischenergebnisse legen die Einsicht nahe, dass auch die Ovid-Interpretationen in der Form historisch bedingt sind, dass die unterschiedlichen antiken und modernen Vorstellungen und Konzepte zu verschiedenen Einschätzungen führen.