Orient und Okzident

Das internationale Netzwerk Orient und Okzident versammelt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich einem „weltgeschichtlichen“ Ansatz im Sinne einer transkulturellen Geschichte verpflichtet fühlen und diesen auf zweierlei Weise zu verfolgen suchen: zum einen durch die Untersuchung der Verflechtungen zwischen den Kulturen und Gesellschaften der antiken Mittelmeerwelt und des Vorderen Orients im Altertum und zum anderen durch den historischen Vergleich, der die Eigenheiten von zu vergleichenden Institutionen oder Wissenskulturen ernst nimmt. Da beide Formen des Forschens aus wissenschaftsgeschichtlichen, quellensprachlichen und anderen methodischen Gründen Inter- bzw. Transdisziplinarität und Wissensaustausch voraussetzen, ist der Dialog zwischen Gelehrten mit verschiedenen Schwerpunkten und aus benachbarten Disziplinen ein Hauptzweck des Netzwerks.

 

Interkulturelle Kontakte und Kulturtransfer innerhalb der antiken Zivilisationen – insbesondere zwischen Rom und Hellas – gehören von jeher zum Gegenstand der Althistorie. Auch die Bedeutung der diversen Formen von Interaktion zwischen der griechisch-römischen Oikumene und den angrenzenden Kulturen in den Jahrhunderten zwischen der mykenischen Bronzezeit und der Spätantike wird heute in der Forschung zumeist anerkannt. Die Erforschung speziell dieser Phänomene stößt allerdings oft an Grenzen, da es einzelnen Gelehrten in aller Regel unmöglich ist, die notwendigen Spezialkenntnisse – insbesondere die Sprach-, aber auch Methoden- und Materialkenntnis – in vollem Umfang zu erwerben. So bleibt die Erfordernis, die kulturellen Kontakte zwischen den Regionen des Vorderen Orients und der griechisch-römischen Mittelmeerwelt in die Untersuchung des Altertums mit einzubeziehen, auch in der aktuellen Forschung oft eher ein Postulat, daß nicht in der konkreten Forschungspraxis umgesetzt wird.

 

Gerade die Beziehungen zwischen dem ethnisch und kulturell vielfältigen Orient und dem ebensowenig einheitlichen Okzident bieten sich aber als ideales Beispiel für die Erforschung antiker Kulturkontakte an – dies nicht nur aufgrund der oft besonders hohen Intensität der Verflechtung und Beeinflussung, sondern auch deshalb, weil die Quellenlage es hier erlaubt, Aussagen über beide Seiten und aus wechselnden Blickrichtungen zu treffen: Eine Vielfalt an Texten und archäologischen Monumenten versetzt die Forschung in die Lage, die Vorgänge viel besser als beispielsweise an der römischen Nordgrenze von beiden Seiten her zu beleuchten. Auch für transkulturelle Vergleiche – nicht alles hängt mit allem zusammen –, die das jeweils Eigene einerseits relativieren helfen, andererseits aber auch deutlicher hervortreten lassen, gibt es inzwischen eine exzellente Quellengrundlage sowie eine hervorragende methodische Reflexions- und Kooperationsbasis. Aber nicht nur die Untersuchung des Austausches verspricht einen hohen Erkenntnisgewinn: Der Vergleich der Zivilisationen in Ost und West schärft zugleich den Blick für das Besondere der griechisch-römischen und orientalischen Kulturen, hilft, scheinbar Selbstverständliches in Frage zu stellen, und ermöglicht es, das historisch und kulturell Eigene der Regionen des Vorderen Orients und Irans angemessen zu beurteilen.

 

Zugleich liegt es aus besagten Gründen auf der Hand, dass solche Ansätze nur interdisziplinär verfolgt werden können. Da historische Fragestellungen und Methoden im Mittelpunkt stehen, wird der Kern des Netzwerkes von Althistorikern gebildet, die sich durchaus auch als Moderatoren im wissenschaftlichen Austausch verstehen, doch ist die Kooperation mit und Integration von Vertretern der Nachbardisziplinen angesichts der Vielfalt der in diesem Kontext relevanten Ansätze, Sprachen und Quellen ebenso erwünscht wie notwendig. Dies gilt sowohl für die übrigen Klassischen Altertumswissenschaften (Latinistik und Gräzistik ebenso wie Klassische, Provinzialrömische und Frühchristliche Archäologie) als auch für Fächer wie die Iranistik, Assyrologie, Ägyptologie, Hethitologie, Vor- und Frühgeschichte oder Biblische und Vorderasiatische Archäologie. Um den Dialog zu erleichtern, organisiert das Netzwerk unter anderem Workshops und Tagungen.

 

Ausdrückliches Ziel der im Jahre 1999 ins Leben gerufenen Gruppe ist dabei nicht nur die Vernetzung zwischen solchen Forschern – sowohl etablierten Gelehrten als auch Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler –, die sich mit antiken Kontakten zwischen Ost und West sowie transkulturellen Vergleichen befassen, sondern ebenso auch die Öffnung hin zu jenen, deren Erkenntnisinteresse sich bislang nur auf das antike Mittelmeerwelt bzw. nur auf den Vorderen Orient konzentriert. Angestrebt werden soll ein möglichst breiter Dialog; die Mitglieder des Netzwerks stellen sich daher der Aufgabe, die Relevanz und den heuristischen Mehrwert der Erforschung von antiken Kulturkontakten oder von typologischen Vergleichen auf den unterschiedlichsten Ebenen zu veranschaulichen.

 

Zentrale Fragen, mit denen sich Mitglieder des Netzwerks befassen, sind insbesondere:

 

  • die Bewegung von Menschen, Wissen und Gütern über die Grenzen hinweg;
  • die Formen von Einflussnahme, der Vermittlung und der Rezeption zwischen dem Vorderen Orient und der griechisch-römischen Mittelmeerwelt;
  • das Bild des Fremden in Literatur und darstellender Kunst;
  • die Konstruktion von Identitäten im Spannungsfeld von Kulturen;
  • die Blüte lokaler Kulturen im Grenzraum zwischen der römischen und der iranischen Welt;
  • die Geschichte von militärischen Konflikten und diplomatischem Austausch;
  • der ökonomische Austausch und die Rolle des Fernhandels;
  • kulturübergreifende strukturelle Vergleiche, wobei neben den Parallelen gerade auch die jeweiligen Besonderheiten und Abweichungen Beachtung finden;
  • theoretisch-methodologische Überlegungen zur Analyse transkultureller Kontakte und zum transkulturellen Vergleich.

 

Das Netzwerk steht allen am Thema der Kontakte zwischen Orient und Okzident in der Antike Interessierten offen. Eine Organisationsgruppe übernimmt die Vorbereitung der Symposien, die die Möglichkeit bieten, sowohl eigene Forschungsergebnisse vorzustellen als auch am Thema Interessierte Wissenschaftler kennenzulernen. Dabei soll der fachliche Austausch gefördert und das Knüpfen interdisziplinärer Kontakte ermöglicht werden. Für das Jahr 2012 ist zudem die Veröffentlichung des ersten Bandes der Zeitschrift „Iambulos“ geplant, die sich der Erforschung der kulturellen Kontakte zwischen dem Vorderen Orient und der griechisch-römischen Mittelmeerwelt im Altertum widmen wird.  Eine Liste mit laufenden Projekten liefert zudem einen Überblick über aktuelle Forschungen zu den Kontakten zwischen Orient und Okzident; hier sind wir für Ergänzungen dankbar (Henning Börm / Josef Wiesehöfer / Udo Hartmann).

 

Bei Fragen oder Anregungen wenden Sie sich bitte an den Sprecher des Netzwerks, Josef Wiesehöfer.

 

 

Auf unserer Homepage finden Sie:

 

 

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Dexiosisrelief aus Arsameia am Nymphaios mit der Darstellung eines kommagenischen Königs und des Herakles