Lösungsansätze zur Übersetzung und Interpretation

 

Aufgabe 1 + 2c

Salmakis

Hermaphrodit

vicimus et meus est (V.356)

Salmakis als Siegerin mit Besitzanspruch

 

tenet, luctantia oscula carpit (V.358)

Gewalt geht von Salmakis aus

 

 

 

pugnes licet, inprobe…non tamen effugies (V.370/371)

bleibt hartnäckig

 

 

pugnantem (V.358)

invitaque pectora (V.359)

leistet Widerstand, ist nicht einverstanden

 

 

 

 

 

perstat … negat (V.368/369)

leistet weiter Widerstand

 

 

ist aktiv, gewalttätig, leidenschaftlich, besitzergreifend und dominierend

 

leistet zwar Widerstand, aber ist unterlegen

Die ‘klassischen’ Rollenbilder sind vertauscht.

 

Aufgabe 2a

Salmakis wird hier mit einer Schlange (serpens) verglichen, die von einem Adler, dem König der Vögel (regia ales) gefangen und in die Luft gehoben wurde. Doch die Schlange windet sich daraufhin in der Luft um ihren Angreifer, schlingt ihren Schwanz (cauda) um die ausgebreiteten Schwingen (alas) und umgibt sie ganz und gar.      
Damit steht Salmakis zu Beginn der Metapher in einer ‘Opferrolle’ (= serpens, vom Adler gepackt), wurde sie doch von einem unhaltbaren, für sie nicht unterdrückbaren sexuellen Verlangen Hermaphrodit gegenüber erfasst. Jedoch erscheint diese ‘Opferrolle’ aus heutiger Perspektive seltsam und nicht nachvollziehbar: Die einfache Ausrede, von dem eigenen Verlangen übermannt und für die folglich Tat nicht verantwortlich gewesen zu sein, dürfte heute keine Gültigkeit mehr haben.

Der Angriff des ‘Adlers’, also des fünfzehnjährigen Hermaphrodit, lässt sich im als eine Art ‘victim-blaming’ verstehen. Hierbei wird die Schuld für den Übergriff dem Opfer zugeschoben, (in aktuellen Diskussionen z.B. aufgrund von ‘Provokation’ durch zu freizügige Kleidung. Auch wenn Ovid hier nicht explizit von einer Schuld des Vergewaltigten an der Tat spricht, impliziert dies der Vergleich des angreifenden Adlers. Andererseits könnte der Adler auch für Salmacis’ Leidenschaft stehen.

Der zweite Teil der Metapher lässt sich folgendermaßen interpretieren: Das Umgeben der Schwingen (alas) des Adlers symbolisiert die sexuelle Vereinigung. Hervorzuheben ist hierbei jedoch die aktive Rolle der Umgebenden (Salmakis). Im traditionellen Rollenbild erfüllt die Frau als Penetrierte eine passive Funktion. Hier zeigt sich wiederum, wie während der gesamten Vergewaltigung die klassischen Rollenbilder umgekehrt werden. Ein weiterer Hinweis hierfür könnte das Wort cauda sein, das im wörtlichen Sinne den Schwanz eines Tieres beschreibt. Sowohl in der deutschen Umgangssprache als auch im Lateinischen stellt es jedoch auch eine Beschreibung für einen Phallus dar. Damit wird die Nymphe, die die Täterin ist, sogar mit einem männlichen Attribut versehen und der Rollentausch verstärkt. Die bildliche Sprache zeigt sich auch im Vergleich mit hedereae und truncos longos (V. 365).

Aufgabe 2b  Mögliche Diskussionsschwerpunkte:

  • victim-blaming: Täter-Opferumkehr
    • So wie hier Hermaphrodit evtl. eine Mitschuld an der Vergewaltigung gegeben wird, geschieht es teilweise, dass den Opfern von sexuellen Übergriffen eine Mitschuld oder sogar die vollständige Schuld gegeben wird. Dabei wird häufig eine in den Augen des Täters zu freizügige und damit ‘einladende’ Kleidungswahl als Grund für eine Einwilligung in den Sexualakt angeführt
    • Diese Sichtweise ist nicht selten und lässt sich häufig in sozialen Plattformen wie Instagram oder YouTube in (teils anonymen) Kommentaren finden
  • Vergewaltigung: Ausschließlich männliche Täter?
    • wie im Hermaphroditus-Mythos gibt es auch heute Vergewaltigungen von Männern, die jedoch medial deutlich weniger präsent sind
  • #metoo: von Vergewaltigungen in der Filmbranche zur Diskussion über Alltagssexismus

 

Aufgabe 2d

  • Salmakis’ Götteranruf (V.371) beinhaltet den Wunsch, auf ewig mit Hermaphrodit zu verschmelzen.
  • Mögliche Theorien:

a) sexuelle Vereinigung (wie bereits aus anderen Metamorphosen bekannt)

b) Verbindung zu einem Wesen (Metamorphose) Aber was für ein Wesen?

 

Aufgabe 3a

  • Hermaphrodit und Salmakis verschmelzen zu einer Person, einem Zwitter, der/die weder weiblich noch männlich genannt werden kann
  • die entstandene Person trägt jedoch weiterhin die Identität des Jünglings und wird nun zum ersten Mal auch namentlich genannt (V.383)
  • Hermaphrodit bittet seine Eltern, dafür zu sorgen, dass jedem, der den See berühre, das gleiche Schicksal widerfahre

 

Aufgabe 3b

Mögliche Diskussionsthemen:

  • Wie gehen wir heute mit Menschen um, die aus biologischer Sicht weder männlich noch weiblich sind oder die sich nicht in dem binären Geschlechtssystem wieder­finden?
  • Welche Probleme entstehen, z.B. im Leistungssport? vgl. hierzu den Video-Beitrag ‘Semenya – Es geht um Menschenwürde’ (ZDF-Sport).

 

Aufgabe 3c

Männlichkeit

Weiblichkeit

Intersexualität

semimarem (V.381)

iam non voce virili (V.382)

nato (V.383) statt nata

semivir (V.386)

 

forma duplex (V.378)

nec femina dici nec puer possit (V.378/379)

neutrumque et utrumque videtur (V.379)

biformis (V.387)

Interessant ist hierbei, dass die männlichen Bezeichnungen weiterleben. Weibliche sprachliche Bezeichnungen und damit auch die Identität der Salmakis sind nicht mehr zu finden. Trotzdem kann die Person nicht mehr vir bzw. puer genannt werden, sondern wird als forma duplex oder biformis bezeichnet.