„Repertorium diktierter Handschriften des Mittelalters“

Prof. Dr. Udo Kühne

 

Der Medienwechsel von der Handschrift zum gedruckten Buch zählt zu den epochalen Marksteinen beim allmählichen Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Doch auch schon vor dem Eintritt in die Gutenberg-Ära wurde nach neuen, und das heißt insbesondere: schnelleren, Publikationsformen und Distributionswegen für literarische Texte gesucht. Zu deren Entwicklung trug maßgeblich eine andere folgenreiche Innovation des Mittelalters bei: die Universität. Für die Effizienz ihres Unterrichtsbetriebs wurde die rasche Vervielfältigung autoritativer Lehrschriften zur unabdingbaren Voraussetzung. Die alte Vorstellung vom einsam im klösterlichen Skriptorium tätigen Mönch, der mit viel Zeit einen vor ihm liegenden Codex Buchstabe für Buchstabe abschreibt und so ein zweites Exemplar herstellt, das dann die Klosterbibliothek bereichert, war hier bereits passé und kaum anders als heute nur noch Reminiszenz einer längst entrückten Beschaulichkeit.

Als eine praktikable Neuerung zur Multiplikation von Wissensstoff erwies sich das sog. 'Pecien-System', wie man es ab dem 13. Jahrhundert aus Paris, Bologna oder Oxford kennt: Studierende konnten bei einem universitären Buchhändler (stationarius) grundlegende Fachtexte, die dieser in offiziell autorisierten ungebundenen Mehrfachexemplaren vorrätig hielt, gegen Gebühr in einzelnen durchnumerierten Partien (peciae) lagenweise nach und nach wöchentlich entleihen, um sie zu kopieren. Diese Praxis, kenntlich an den charakteristischen Pecien-Vermerken in Handschriften, hat seit längerem in der Forschung Beachtung gefunden.

Demgegenüber hat ein konkurrierendes, besonders an mitteleuropäischen Universitäten (Prag, Erfurt, Leipzig, Wien) und nachfolgend auch an zahlreichen kommunalen Schulen gebräuchliches Verfahren der Literaturversorgung erst anfängliches Interesse auf sich gezogen: die Verbreitung verbindlicher Texte durch Gruppendiktat (pronuntiatio) seitens speziell dafür beauftragter und qualifizierter Personen (meist baccalaurei). Die Forschung liegt hier noch im Hintertreffen, weil das Material nur punktuell und zufällig bekannt ist, nicht aber systematisch erhoben wurde, so daß das Phänomen insgesamt sich erst ansatzweise überblicken läßt.

Das derzeit von mir unter Mitwirkung meiner studentischen Hilfskräfte erarbeitete Kieler "Repertorium diktierter Handschriften des Mittelalters" soll einen Beitrag zur Bereitstellung des Materials sowie auch bereits zu dessen Auswertung leisten. Als Grundlage der Erhebung dient 'Handschriften-Literatur' in einem umfassenden Sinn (Kolophon-Verzeichnisse, Kataloge datierter Codices, Handschriften-Kataloge der Bibliotheken, paläographische und überlieferungsgeschichtliche Arbeiten, Texteditionen, Quellen mittelalterlicher Bildungsinstitutionen).

Das Handbuch wird vier Teile umfassen: Einleitend ist die kulturelle Technik der pronuntiatio von anderen, z.Tl. verwandten Formen der Textverbreitung abzugrenzen, womit Probleme der zeitgenössischen Terminologie (insbesondere die Unterscheidung zwischen pronuntiatio und reportatio) berührt werden. Im Hintergrund steht die Leitfrage: Was ist eine diktierte Handschrift und woran erkennt man sie? Hiernach bemißt sich, welches Material im Repertorium Berücksichtigung findet. Sodann wird das einheitliche Schema vorgestellt und erläutert, nach welchem die aufzunehmenden Handschriften im Hauptteil des Bandes, dem eigentlichen Verzeichnis, dargeboten werden. Die Reihenfolge der einzelnen Einträge richtet sich hier alphabetisch nach den heutigen Bibliotheksstandorten. Auf der Grundlage dieser Dokumentation können in einem dritten Teil belegbare Schlußfolgerungen prosopographischer, regionaler und zeitlicher, institutionengeschichtlicher und sachlich-inhaltlicher Art gezogen werden: Wer diktiert Texte? Welchen Studierenden? Wo kommt das Verfahren bevorzugt zur Geltung? An welchen Institutionen? Wann erlebt die Praxis eine spürbare Blüte? Welche Texte werden durch Diktat publiziert? Hingegen müssen weitergehende Fragestellungen, deren Beantwortung detaillierte Textanalysen in den Handschriften voraussetzt, etwa nach der Textqualität (Gibt es Hörfehler statt Abschreibfehler?) oder dem Layout diktierter Handschriften, späteren Spezialuntersuchungen überlassen bleiben, die das Repertorium anregen will. Insbesondere sollen bei dieser überblickartigen Auswertung anhand ausgewählter Beispiele Querverbindungen im Material sichtbar gemacht werden. Die abschließenden umfangreichen Register des vierten Teils sollen den Benutzern des Handbuchs eigenständige Erkundungen erleichtern.