Alte Geschichte - Interview

Geschichte und die Faszination der dürren Zeilen

Interview mit Professor Volker Seresse

 

Mehr als 60 Studiengänge hat derzeit die Universität Kiel im Angebot. Doch welches Fach ist für wen das richtige?Antworten zum Fach Geschichte gibt Studienfachberater Professor Volker Seresse im Gespräch mit Martin Geist.


Welche Inhalte stehen genau hinter dem Fach Geschichte?

 

Unser Fach beschäftigt sich mit der Vergangenheit, soweit uns dazu schriftliche Quellen überliefert sind. Ergänzend kommen aber auch andere Quellen wie etwa Bilder hinzu. In Europa gibt es schriftliche Quellen seit dem Anfang des ersten Jahrtausends vor Christus. Geschichte – das sind einmal Ereignisse, Institutionen und soziale Strukturen. Und dann ist Geschichte auch das, was Menschen bei ihrer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit aus ihrer Vergangenheit machen – ihr Bild von Geschichte. Die Geschichtswissenschaft setzt sich kritisch mit Geschichtsbildern auseinander. Im 19. Jahrhundert zum Beispiel wurden die Italienzüge der mittelalterlichen Kaiser durch die nationalstaatliche Brille betrachtet, denn der Nationalstaat war das politische Ideal des 19. Jahrhunderts. Im Mittelalter hatte es aber weder Nationen noch Staaten im modernen Sinn gegeben. Die Politik orientierte sich an ganz anderen Leitlinien, etwa an dynastischen Interessen.

 

Welche Berufe stehen Historikern offen?

 

Schätzungsweise 50 Prozent unserer Absolventen gehen ins Lehramt. Der beträchtliche Rest verteilt sich auf so viele Gebiete, dass kaum Schwerpunkte genannt werden können. Eine wichtige Rolle spielt sicher der gesamte Medienbereich, und außerdem bieten Archive, Bibliotheken und der Wissenschaftsbetrieb Arbeitsplätze. Etliche Historiker arbeiten aber auch in ganz anderen Bereichen. Das reicht vom Buchhändler bis zur EDV-Branche. Historiker haben gelernt, Sachverhalte und Texte schriftlich wie mündlich gut zu strukturieren. Das sind Eigenschaften, die man in sehr vielen Berufen braucht.

 

Gibt es typische Missverständnisse, denen Studienanfänger in Geschichte aufsitzen?

 

Wahrscheinlich nicht so gravierende wie in anderen Fächern. Manche Studenten unterschätzen aber, dass sie ganz viel lesen müssen. Und das nicht nur in heutigem Deutsch, sondern auch in Mittelhochdeutsch oder dem Frühneuhochdeutsch Luthers. Das Latinum und dazu neben Englisch eine zweite moderne Fremdsprache setzen wir ohnehin voraus beziehungsweise erwarten, dass diese Kenntnisse studienbegleitend erworben werden.

 

Wie sind Sie selber zur Geschichte gekommen?

 

Aus Interesse. Allerdings belegte ich Geschichte erst nur als Nebenfach, weil ich Angst hatte, dass mir die wissenschaftliche Beschäftigung damit den Spaß verderben könnte. Im dritten Semester erfuhr ich dann aber, wie faszinierend es ist, wenn man aus ein paar dürren Zeilen einer mittelalterlichen Urkunde ganze sozialgeschichtliche Umwälzungen herauslesen kann. Danach wurde Geschichte mein Hauptfach.